Ratgeber: Laborwerte verstehen
Das kleine und große Blutbild — was wird untersucht?
Das Blutbild gehört zu den am häufigsten durchgeführten Laboruntersuchungen. Beim kleinen Blutbild werden die drei Zellarten im Blut gezählt: rote Blutkörperchen (Erythrozyten), weiße Blutkörperchen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten). Zusätzlich werden Hämoglobin (roter Blutfarbstoff), Hämatokrit (Anteil der Zellen am Blutvolumen) und die Erythrozytenindizes MCV, MCH und MCHC bestimmt.
Das große Blutbild umfasst zusätzlich ein Differentialblutbild, bei dem die verschiedenen Unterarten der weißen Blutkörperchen (Granulozyten, Lymphozyten, Monozyten) einzeln gezählt werden. Dies hilft bei der Unterscheidung verschiedener Infektionen und Bluterkrankungen.
Wann wird ein Blutbild gemacht?
Ein Blutbild wird routinemäßig bei Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt, aber auch bei Verdacht auf Infektionen, Anämie (Blutarmut), Blutungsneigung oder zur Verlaufskontrolle bei chronischen Erkrankungen. Die Blutentnahme erfolgt in der Regel morgens nüchtern aus einer Armvene.
Leberwerte erhöht — was bedeutet das?
Zu den wichtigsten Leberwerten gehören GOT (AST), GPT (ALT) und Gamma-GT (GGT). Diese Enzyme befinden sich in Leberzellen und werden bei Zellschäden ins Blut freigesetzt. GPT ist dabei am leberspezifischsten — erhöhte GPT-Werte deuten fast immer auf ein Leberproblem hin.
Die häufigsten Ursachen für erhöhte Leberwerte in Deutschland sind die nicht-alkoholische Fettleber (durch Übergewicht und Bewegungsmangel), Alkoholkonsum und Medikamente (z.B. Paracetamol, Statine, Antibiotika). Seltener liegen Virushepatitiden (Hepatitis B und C) oder Autoimmunerkrankungen vor.
Wann zum Arzt?
Leicht erhöhte Werte (bis zum Doppelten der Norm) können beobachtet und nach einigen Wochen kontrolliert werden. Stark erhöhte Werte (mehr als das 3-fache) sollten zeitnah abgeklärt werden. Bei begleitender Gelbsucht (Gelbfärbung von Haut oder Augen) sofort zum Arzt.
Nierenwerte verstehen: Kreatinin und GFR
Kreatinin ist ein Abbauprodukt aus dem Muskelstoffwechsel und wird ausschließlich über die Nieren ausgeschieden. Steigt der Kreatinin-Wert im Blut, bedeutet das, dass die Nieren weniger effektiv filtern. Allerdings steigt Kreatinin erst an, wenn bereits mehr als 50 % der Nierenfunktion verloren sind — es ist also kein Frühmarker.
Aussagekräftiger ist die GFR (glomeruläre Filtrationsrate), die aus dem Kreatinin berechnet wird und angibt, wie viel Blut die Nieren pro Minute filtern können. Eine GFR über 90 ml/min ist normal, Werte zwischen 60–89 deuten auf eine leichte Einschränkung hin, unter 60 spricht man von einer chronischen Nierenerkrankung.
Wer sollte seine Nierenwerte kontrollieren lassen?
Regelmäßige Kontrollen sind besonders wichtig bei Diabetes, Bluthochdruck, regelmäßiger Einnahme von Schmerzmitteln (Ibuprofen, Diclofenac), familiärer Vorbelastung und ab dem 60. Lebensjahr.
Schilddrüsenwerte: TSH, fT3 und fT4
Die Schilddrüse steuert den gesamten Stoffwechsel. Der wichtigste Screening-Wert ist TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), das von der Hirnanhangdrüse produziert wird und die Schilddrüse zur Hormonproduktion anregt.
Ein erhöhtes TSH bedeutet, dass die Hirnanhangdrüse die Schilddrüse stärker stimulieren muss — die Schilddrüse produziert also zu wenig Hormone (Unterfunktion / Hypothyreose). Typische Symptome: Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit, trockene Haut.
Ein erniedrigtes TSH bedeutet das Gegenteil: die Schilddrüse produziert zu viel (Überfunktion / Hyperthyreose). Symptome: Herzrasen, Gewichtsverlust, Nervosität, Schwitzen, Durchfall.
fT3 und fT4 sind die freien Schilddrüsenhormone selbst. Sie werden bestimmt, wenn das TSH auffällig ist, um die Diagnose zu bestätigen und zwischen latenter und manifester Funktionsstörung zu unterscheiden.
Cholesterin, HDL und LDL — gutes und schlechtes Cholesterin
Cholesterin ist ein lebenswichtiges Blutfett — es wird für Zellmembranen, Hormonproduktion und Vitamin-D-Bildung benötigt. Problematisch wird es erst, wenn das Verhältnis der Cholesterin-Unterarten aus dem Gleichgewicht gerät.
LDL-Cholesterin ("schlechtes Cholesterin") transportiert Cholesterin in die Gefäßwände, wo es sich ablagern und zu Arteriosklerose führen kann. HDL-Cholesterin ("gutes Cholesterin") transportiert überschüssiges Cholesterin zurück zur Leber und schützt damit die Gefäße.
Der optimale LDL-Zielwert hängt vom individuellen Risikoprofil ab: bei gesunden Menschen unter 116 mg/dl, bei Patienten mit Diabetes oder hohem Risiko unter 70 mg/dl, bei sehr hohem Risiko unter 55 mg/dl. Die wichtigsten Maßnahmen zur Senkung: Ernährungsumstellung (weniger gesättigte Fette, mehr Ballaststoffe), regelmäßige Bewegung und bei Bedarf Statine.
Vitamin D, B12 und Eisen — häufige Mangelzustände
Vitamin-D-Mangel ist in Deutschland extrem verbreitet — ca. 60 % der Bevölkerung haben suboptimale Werte, besonders im Winter. Vitamin D wird hauptsächlich durch Sonneneinstrahlung in der Haut gebildet und ist wichtig für Knochen, Immunsystem und Stimmung. Ein Wert unter 30 ng/ml gilt als unzureichend, unter 20 ng/ml als Mangel.
Vitamin-B12-Mangel betrifft vor allem Vegetarier, Veganer, ältere Menschen und Patienten, die Magensäureblocker (Protonenpumpenhemmer) oder Metformin einnehmen. B12 ist essenziell für die Blutbildung und das Nervensystem. Ein Mangel kann zu Müdigkeit, Kribbeln in Händen und Füßen und im schlimmsten Fall zu irreversiblen Nervenschäden führen.
Eisenmangel ist der weltweit häufigste Nährstoffmangel und betrifft besonders Frauen im gebärfähigen Alter. Ferritin (Eisenspeicher) ist der sensitivste Marker — Werte unter 30 ng/ml deuten auf leere Eisenspeicher hin, auch wenn das Blutbild noch normal aussieht. Symptome: Müdigkeit, Haarausfall, brüchige Nägel, Konzentrationsprobleme.
Blutzucker und HbA1c — Diabetes erkennen
Der Nüchtern-Blutzucker (Glucose) zeigt den aktuellen Zuckerspiegel. Werte zwischen 100–125 mg/dl gelten als Prä-Diabetes (gestörte Nüchternglucose), ab 126 mg/dl besteht Verdacht auf Diabetes mellitus. Allerdings schwankt der Nüchternzucker stark — ein einzelner erhöhter Wert reicht nicht für eine Diagnose.
Aussagekräftiger ist der HbA1c (Langzeit-Blutzucker), der den durchschnittlichen Blutzucker der letzten 2–3 Monate widerspiegelt. Ein HbA1c unter 5,7 % ist normal, 5,7–6,4 % bedeutet Prä-Diabetes, ab 6,5 % liegt ein Diabetes vor. Bei bereits diagnostiziertem Diabetes ist der HbA1c der wichtigste Wert zur Therapiekontrolle — Zielwert ist in der Regel unter 7,0 %.